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Editorial Seminare 2014

Zurückblickend nach 40 Jahren als Zahnarzt habe ich viele Entwicklungen, den Wechsel von Lehrmeinungen, viele „Auf und Abs“ ganz persönlich miterlebt. Eine der wichtigsten Entwicklungen für mich als prothetisch tätiger Zahnarzt sind die hochfesten, zahnfarbenen Materialien wie Lithiumdisilikat und Zirkon, die eine minimalinvasive zahnfarbene Rehabilitation des „Kauorganes“ ermöglichen.

Hochfest verzeiht keine Fehler, Gold „biss sich ein“, das Material gab nach, es wurde bei okklusalen Störungen deformiert. Keramik wurde eliminiert, sie brach, sie „chippte“. Die neuen Materialien sind unzerstörbar. Bei ihrem Einsatz ist großes Wissen und Können gefordert, um keine irreversiblen Schäden zu verursachen.

Mein Lehrer Rudolf Slavicek hat mein zahnärztliches Tun zutiefst in der Funktion verankert. „Das Kauorgan“ ist ein hochdifferenzierter Regelkreis mit zentraler Bedeutung für den Organismus. Grenzen zwischen Funktion und Dysfunktion sind fließend. Das Kauorgan wird als Werkzeug zum Stressabbau gebraucht, nicht missbraucht. „Der Zahnarzt ist der Werkzeugschmied, der das Werkzeug Kauorgan auf seine Eignung für die Funktion des Stressabbaus überprüft und falls nötig durch Optimierung der Okklusion in der Statik, aber ganz im Besonderen in der Dynamik für diese Tätigkeit optimiert und tauglich macht!“ (R. Slavicek)

In vierzig Jahren als Zahnmediziner habe ich immer wieder erlebt, wie um Auffassungen und Konzeptionen gerungen wurde. Die Tagungen der AGF Arbeitsgemeinschaft Funktion (heute DGFDT) in Bad Nauheim (heute in Bad Homburg), die Bad Gasteiner Woche mit ihren teils hitzigen, aber fairen Diskussionen waren Meilensteine der Funktionslehre.

Es ist für mich erschreckend, wenn heute Grundlagenforschung ernsthafter Wissenschaftler und hochkompetenter Zahnärzte – ich zähle nur einige auf wie Campion, Gysi, Mc Collum, Lang, Stuart, Posselt, Lundeen, Gibbs, Mack, Lugner, Slavicek – von einigen, als Referenten tätigen Zahnärzten und Zahntechnikern, als obsolet erklärt vom Tisch gewischt wird und selbstentworfene „Lehren“ aus meiner Sicht ohne jedweden ernsthaften, ernstzunehmenden funktionsgeprägten Hintergrund als allein „selig machend“ hervorgezaubert werden.

All denen, die sich für solche „Lehren“ begeistern, rate ich: Nehmen Sie bitte das Buch meines Lehrers Rudolf Slavicek zur Hand. Lesen Sie es, nein, arbeiten Sie es durch und diskutieren Sie es im fachlichen Kreis. Es lohnt sich! Dieses Werk – ein „höchst persönliches“ - wie Rudolf Slavicek schreibt, zeigt, wie jemand, der sich ein ganzes Leben mit höchster Ernsthaftigkeit, mit Wissen, weit über traditionell eingeschränkte Sichtweisen hinaus, aber auch mit großer Emotionalität dieses hochkomplexe Organ evolutionsbiologisch, gesamtmedizinisch einordnet und es in seiner faszinierenden Vielfalt wertet und darstellt.

Ich schreibe diese Zeilen in Sorge darum, dass die unkritische wenig reflektierte Anwendung der uns heute zur Verfügung stehenden Materialien nicht nur Positives für unsere Patienten bewirkt, sondern irreversibel Zerstörendes.

Enden möchte ich mit einem Zitat meines Lehrers Rudolf Slavicek: „Das Erstellen der Diagnose ist nicht Aufgabe von Apparaten oder, wesentlich gefährlicher, scheinbar logischer Computerprogramme, sondern eine zutiefst verantwortungsvolle menschliche Entscheidung“. Es ist vorhersehbar, das zukünftig Computerprogramme „Kauflächen designen“. Lassen Sie uns dafür Sorge tragen, dass das hierzu notwendige Fundament auf einem umfassenden Wissen um die Funktion des Kauorganes gründet, da leider vieles, was uns aus einer „blackbox“ heraus als Lösung vorgegeben, oft nicht mehr hinterfragt wird und daher eine breite, unkritische Anwendung findet.

Wie es so heißt: „Lesen schützt vor Erfinden“.
Danke, Rudi!

Dr. Diether Reusch

Univ. Prof. Dr. R. Slavicek

Bezugsquelle: www.gammadental.com